freie Trauung

Oma Luise trifft auf ihr Lächeln.

Ja, man hatte mich gewarnt. Ja, ich wusste, wer da kommen würde udn es war jemand von der ganz harten "Das-mag-ich-aber-nicht"Gegenfront: Oma Luise.

 

Schon bei unserem Traugespräch mit Anke und Florian haben ihre Aussagen alle Alarmglocken in meinen Ohren laut geläutet: "Nur wer sich ind er Kirch trauen lässt, ist auch wirklich verheiratet!" oder "eine freie Traurednerin`? Welcher Sekte gehört die denn an?"

 

Ja und dann kam der große Tag und mit ihm dieses "Ich-weiß-nicht-was-mich-gleich-erwartet"-Kribbeln. Mit ihm stöckelte ich in meinem roséfarbenen Spitzenkleidchen und meinen Glitzer-Highheels Richtung Traulocation und hatte wie gewohnt mit einem schwarzgewandeten Gottesdiener so rein gar nichts gemeinsam.

 

Schon von weitem sah ich sie: Ganz vorne sa´ß sie - Oma Luise, eine kleine, sehr zierliche, weißhaarige Frau mit einem ebenso sehr treffsicherem Blick. "Ah, Sie müssen Oma Luise sein!" flötete ich ihr aufmunternd entgegen. Es perlte emotionlos an ihr ab, um nicht zu sagen, es verzog sich kein Mundwinkel, dafür fixierten mich ihre Augen und folgten mir bei jeder Bewegung. Ja, sie hatte mich - und ließ mich nicht mehr los.

 

Und so ging es durch die Zeremonie und Oma Luise unverändert reglos mit uns bis zu diesem einen Moment: Als ganz plötzlich nach dem Eheversprechen etwas völlig Unerwartetes passierte - da verschwand diese unsichtbare Mauer um die alte Dame. Stein für Stein, einer nach dem anderen bröckelte und traf sie auf ihr Lächeln und es blieb. Bis zum Schluß.

 

Und danach? Kam sie zu mir und ich gestehe: Auch jetzt war die Schnappatmung mein bester Freund. Da sah sie zu mir auf, blinzelte erst diese unverschämt hartnäckigen Freudentränen aus ihren gar nicht mehr so gestählerten Augen udn nahm dann meine Hände in die ihren. "Kind, das war die schönste Trauung meines Lebens und ich bin schon alt!" sagte sie. Ich fühlte mich nicht nur schlagartig um mindestens 20 Jahre straffer, nein, allen Gegnern, Zweiflern udn Nörglern wurden jetzt die Segel aus ihrem Gegenwind gerissen. Denn Oma Luise hatte es gefallen!

 

Mehr geht nicht, oder? Doch! "Versprechen Sie mir etwas?" fragte sie mich fordernd. Nun, etwas blind versprechen, ohne zu wissen, was, fällt mir immer zugegeben etwas schwer und so kam mein "jaaa" auch sehr langsam und zögerlich. "Hören Sie nie, nie damit auf!" befahl sie mir und ging mit diesen Abschiedworten schnurstracks umd ide Ecke. Und spätestens jetzt waren Oma Luise und die lila Traurednerin selig lächelnd doch einer Meinung.